Der Alltag an der Supermarktkasse

„Ich bin ein Mensch – kein Teil der Kasse!“

Von redaktion 10. Februar 2009 - 12:10
Carmela Narcisi an der Kasse
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Carmela Narcisi an der Kasse
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Carmela Narcisi (51) arbeitet seit 18 Jahren als Kassiererin. Sie liebt ihren Beruf – aber manche Kunden treiben sie in die Verzweiflung

Schauen Sie mal, da ist eine faule dabei!“ Carmela Narcisi hält das Bund Bananen hoch, das sie gerade scannen will, und zeigt es dem Kunden. „Wollen Sie sich nicht ein paar andere?“ Der junge Mann schaut sie an und grinst. „Lassen Sie mal gut sein“, erwidert er augenzwinkernd. „Die sind sowieso für meine Schwiegermutter.“ In solchen Situationen liebt Carmela ihren Beruf. „Ich bin ein fröhlicher Mensch. Und meine Lieblingskunden sind die Menschen, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern“, erzählt sie – und muss in Erinnerung an diese Szene noch einmal herzlich lachen.

Carmela NarcisiSeit 18 Jahren arbeitet die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern als Kassiererin bei Real im Neusser Rheinparkcenter. Jetzt hat sie ihre Abenteuer an der Supermarktkasse in ein Buch gepackt. „Ich fühle mich täglich wie in einem Theatersaal, das ist besser als jede Kinovorstellung“, sagt die 51-Jährige. Vor drei Jahren kam ihr die Idee, aufzuschreiben, was sich an ihrer Kasse täglich abspielt. Auf Kassenbons machte sie sich kurze Notizen. Zu Hause wurden daraus Geschichten. Foto: Johannes Galert

Ihr Chef, ihre Kollegen und ihre Kunden sind ihre größten Fans. Die 160 Exemplare, die Carmela mit zur Arbeit nahm, waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. „Ich liebe meinen Job und arbeite unheimlich gern mit meinen Kollegen zusammen“, erzählt die Kassiererin, gibt aber zu, dass ihr Beruf auch weniger schöne Seiten hat. „Es verletzt mich, wenn ich nicht angeschaut werde“, sagt sie dann und plötzlich ist alle Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht verschwunden. Dass Kunden auf ihr freundliches „Guten Tag“ noch nicht einmal mit einem Kopfnicken reagieren, sie im Grunde gar nicht wahrnehmen, tut ihr sehr weh. „Das sind die Momente, in denen man sich wie ein Mensch zweiter Klasse vorkommt“, sagt die gelernte Kosmetikerin leise.

Einmal beschwerte sich ein Kunde, sie habe den falschen Preis eingescannt. Babynahrung sei im Sonderangebot. „Nur die mit Obst“, versuchte ihm Carmela zu erklären. Doch er brüllte sie an, das würde nicht stimmen, stürmte davon und kam innerhalb einer Minute mit einem Plakat zurück, das er von der Decke gerissen haben musste. Er schmiss es ihr vor die Füße. „6 Gläschen 4,99 Euro“ stand dort. Und kleiner darunter: „Nur mit Obst“. Sie versuchte, den Kunden darauf hinzuweisen. Neks PreradovicDer tobte nur umso lauter: „Das ist mir scheißegal, ich will mein Geld zurück!“ Carmela schüttelt den Kopf. „Als er weg war, musste ich weinen“, sagt sie leise. „Wenn Kunden mich anschreien, macht mich das besonders fertig.“ Foto: Johannes Galert

Oder die Mutter, die ihre kleine Tochter am Arm hatte und auf Carmela deutete. „Wenn du in der Schule nicht aufpasst, endest du im Supermarkt an der Kasse“, sagte die Frau zu dem Mädchen.Buch-Tipp „Das willst du ja wohl nicht, oder?“ Manche Kunden nehmen nicht wahr, dass hinter dem Personal eines Supermarktes Menschen stecken, meint Carmela. Menschen mit Talent. „Die Karikaturen für mein Buch hat Neks Preradovic gezeichnet, ein Kollege, der bei uns putzt“, sagt Carmela stolz. „Auch in Menschen wie uns stecken jede Menge Talente“, fügt sie lächelnd hinzu.

Unser Buch-Tipp:
Mikrokosmos Supermarkt Heiteres, Tragisches, Menschliches: Den alltäglichen Wahnsinn an der Supermarktkasse beschreibt Carmela Narcisi in ihrem Buch „99 Gesichter an einem Tag“ (R. G. Fischer, 9,80 Euro).

 

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Aktueller Fall
Buchtipp
Nachts macht es „Biep!“
Erst gestern hat es sich wieder in ihren Traum geschlichen. Biep! Und wieder: Biep! Zwischen jedem Biep! ziehen im Traum Lebensmittel an ihr vorbei, die sie scannen muss. Anna Sam (29) sagt, dass sie es damit noch gut getroffen hat: Kolleginnen von ihr riefen zuweilen in der Nacht: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Acht Jahre hat Anna Sam an einer Supermarktkasse in Rennes (Frankreich) gearbeitet. Im vergangenen Jahr schrieb sie ihre komischen, aber auch traurigen Erlebnisse auf. Das Buch hat sich in Frankreich 100 000-mal verkauft. Nun erschien es auch in Deutsch: „Die Leiden einer jungen Kassiererin“ (Riemann, 12,50 Euro).

 


INFOS & FAKTEN

Einmal lächeln bitte

„Wir müssen funktionieren!“

Wer die Bücher von Anna Sam und Carmela Narcisi gelesen hat, ändert sein Leben. Vielleicht nicht das ganze Leben, aber doch einige Verhaltensweisen, speziell solche, die beim Bezahlen an der Supermarktkasse gang und gäbe sind. Nie wieder wird man die Waren so ungünstig aufs Band legen, dass die Kassiererin jeden Gegenstand – ob Dosenmilch, Katzenstreu oder fünf Kilo schwere Waschpulverpakete – dreimal umdrehen muss, bis die Seite mit dem Strichcode oben liegt. Und nie wieder wird man vergessen, die Kassiererin auch einmal anzulächeln und zu grüßen, das heißt, sie wie einen Menschen zu behandeln – und nicht wie einen an die Kasse angeschlossenen Gegenstand. Denn das ist die Regel. Kaum ein anderer Dienstleistungsberuf degradiert diejenige, die ihn ausführt, so sehr zum anonymen, kaum wahrgenommenen Objekt. „Wir müssen halt funktionieren“, sagt Anna Sam. „Der Rest interessiert keinen!“

Die ungeschminkte Wahrheit

Warum werden Kassiererinnen oft so schlecht behandelt? „Wer einkaufen geht, hat es meist eilig“, erklärt die Psychologin Ingeborg Martinek. „Wir haben eine Liste, vergleichen Preise. Nichts interessiert uns dann weniger als unsere Wirkung auf andere. Was dazu führt, dass wir uns ,ungeschminkt‘ so benehmen, wie wir uns fühlen. Geht es uns an der Kasse zu langsam, motzen wir die Kassiererin an. Denn sie sitzt am Nadelöhr, durch das wir den Supermarkt verlassen – hier staut es sich nicht nur in der Schlange, hier stauen sich auch Emotionen auf – weil ein Preis nicht stimmt, weil ein Kunde ewig nach Kleingeld sucht oder der Kassenstreifen gewechselt wird. Diesen Frust laden wir bei der Kassiererin ab. Weil wir sie nicht als Persönlichkeit wahrnehmen, sondern als standardisiertes Wesen – was durch die Einheitsbekittelung in den meisten Supermarkt-Ketten noch gefördert wird.“

  • 1

  • Ach wie gut kenne ich das. Wenn einen an gewissen Tagen nicht nur die Kunden sondern auch die Technik auf die Palme bringt!

    21. Juli 2010 - 14:40  
  • 2

  • Diese beiden Bücher errinnern mich an meinen Alltag. Sie sind mir wie aus der Seele geschrieben. Ich liebe meine Arbeit und viele meiner Kunden aber was hier beschrieben wird, ist leider harte Realität. Man kommt sich manchmal echt minderwertig vor, wenn man an einem Tag viele dieser Kunden hat, die einen behandeln als wäre man kein Mensch.

    19. August 2009 - 21:58  
  • 3

  • Neuss ist ja bei uns um die Ecke :D Gleich mal einen Besuch abstatten ;D Also ich arbeite nicht an der Kasse, denk aber manchmal auch, das einige Leute absolut kein Benehmen haben.

    11. Februar 2009 - 16:26  
  • 4

  • ich hatte im Januar eine OP und als ich vom OP-Tisch genomme wurde und man mir sagte, das ich jetzt in den Aufwachraum komme sagte ich: Nee das geht jetzt nicht ich muss erst noch die Nummer vom grünen Paprika eingeben.

    Morgen nach 4 langen Wochen krank kann ich endlich wieder auf Arbeit und ich freuemich so sehr vorallem auch wegen meiner Liblingskunden, die mir vollans Herzel gewachsen sind.

    10. Februar 2009 - 16:25  

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