In vielen Kliniken können Patienten nicht mehr ordentlich versorgt werden. Es fehlt an Zeit, Geld und Personal.

Top Thema: Krankenschwestern im Dauerstress

Von redaktion 8. Oktober 2008 - 12:09
© MEV
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„Die Patienten tun mir oft so leid …“

Mit Trillerpfeifen und lauten Protestgesängen demonstrierten ca.130 000
Klinikmitarbeiter aus der gesamten Bundesrepublik Ende September in Berlin.

 

Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte fordern mehr Geld für die finanziell angeschlagenen deutschen Kliniken. Zu Recht, denn mehr als ein Drittel aller Krankenhäuser steht vor der Pleite, wie der Präsident der Deutschen Kranken-hausgesellschaft, Rudolf Kösters, bestätigt.

Jeder, der ein Krankenhaus betritt, egal, ob als Patient, Angehöriger oder Besucher, spürt es: Die Stimmung auf vielen Stationen ist angespannt, Schwestern und Pfleger sind kaum ansprechbar. Sie erledigen ihre Arbeit im Laufschritt, sagen: ‚Ja, ich komme gleich‘ und sind dann stundenlang verschwunden. 

 

Krankenschwester Marina

 „Aber garantiert nicht, um ein Päuschen zu machen“, so Marina Spang (28) (Name von der Redaktion geändert), die als Krankenschwester in einem Essener Klinikum ihren Dienst tut.
„Wir kommen mit der Arbeit einfach nicht mehr nach. Immer weniger Pflegekräfte sind für immer mehr Patienten zuständig. Das ist mörderisch.“

Pflegeexperten sorgen sich bereits um die Patientensicherheit: Wenn Pflegekräfte zwölf Stunden Schicht arbeiten und im Dauerstress sind, häufen sich die Fehler.
Schon jetzt würden Medikamente verwechselt und Patienten nicht ordentlich versorgt.
(Foto: A. Breilmann)

 

Doch nicht nur das: Deutschen Kliniken fehlen pro Jahr über 2 Milliarden Euro für notwenige Renovierungen, Ausbauten und technisches Gerät. „Das kann ich bestätigen“, meint Schwester Marina. „In manchen deutschen Klini-ken sieht ein OP-Saal aus wie in einem Krankenhaus in der Ukraine.“

Die rund 2 100 Krankenhäuser in Deutschland stehen seit Mitte der 90er Jahre unter enormem Kostendruck. „Natürlich ist es richtig, dass die Politik die Kliniken zu Einsparungen zwang und Patienten heute schneller entlassen, statt tagelang verwahrt zu werden“, sagt der Gesundheits-Ökonom Siegmar Bartelt aus Berlin. „Doch es ist eine Katastrophe, dass der Sparzwang überwiegend zu Lasten der Pflege ging.“
50 000 Stellen wurden seit 1996 wegrationalisiert. Aber gleichzeitig stieg die Patientenzahl um 670 000! 

 

PflegenotstandEine Sparpolitik, die Krankenschwestern und Pfleger ausbaden müssen – und nicht zuletzt die Patienten. „Wenn ich früher Nachtschichten hatte, blieb Zeit, sich wirklich um die Patienten zu kümmern“, erzählt Marina. „Wir waren zu dritt, da konnte man mal die Hand eines Kranken halten, ihm das Gefühl geben, dass sich jemand für ihn interessiert.“

Heute ist sie auf ihrer Station mit 34 Betten nachts die einzige Pflegekraft. (Foto rechts: DAK)

Die Arbeit der Krankenschwestern und Pfleger hat sich aufgrund des erzwungenen Personalmangels enorm verdichtet. Schicht für Schicht erleben sie, dass sie ihre Patienten nicht mehr so versorgen können, wie es ihren ethischen Normen entspricht.    

„Und wie wir es gelernt haben“, betont Marina. „Ich wurde ausgebildet, um meinen Patienten die optimale Pflege zukommen zu lassen.“ Sie seufzt. „Aber das ist gar nicht mehr möglich.“

„Die Patienten tun mir manchmal so leid“, sagt Marina leise. „Denn sie treffen die Sparmaßnahmen am ärgsten.“

 

Eilig hat die Bundesregierung den Krankenhäusern nun in einem Notpaket drei Milliarden Euro zugesagt (siehe Grafik in der Bildergalerie unten).
Davon sollen auch 21 000 Pflegestellen finanziert werden. „Eine Mogelpackung“, meint Siegmar Bartelt. Weil die Kliniken nämlich ein Drittel der Kosten dieser neuen Pflegestellen tragen müssen, ist unklar, ob dieser Plan überhaupt umzusetzen ist. Bartelt: „Das Geld dafür ist einfach nicht da!“

 


 

INFOS & FAKTEN

Kein Geld für die Pflege: "Schwestern ohne Lobby“

Ein Fall für die Intensivstation: 700 deutsche Kliniken stehen vor der Pleite,
20 000 Krankenhausmitarbeiter könnten ihre Jobs verlieren …

 

Veraltete Technik in Kliniken
â– Sparkurs
Seit Jahren sind deutsche Kliniken einem Sparkurs unterworfen. Es fehlt an Geld für Investitionen und technisches Gerät. 700 Kliniken stehen vor dem Aus. Die Zahl der Betten wurde drastisch abgebaut, die Verweildauer der Patienten gesenkt – doch die Zahl der Behandlungen stieg und damit wuchs beim Pflegepersonal der Stress. (Foto: MEV)

 

Es werden immer mehr

■Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird in den nächsten Jahren kontinuierlich steigen. 
Die Folge: Es könnte zum Kollaps in den Kliniken kommen, weil die entsprechenden Fachkräfte fehlen. 

 

Was meinen Sie zu diesem Thema? Sind Sie vielleicht sogar selbst Krankenschwester und können von Ihren eigenen Erfahrungen erzählen? Oder haben Sie einen Pflegebedürftigen in der Familie?

 

Tauschen Sie sich aus und diskutieren Sie mit!

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Die Finazierung der Krankenhäuser
Die Finanzierung steht auf zwei Säulen: Kassen und Länder teilen sich die Kosten.
nächstes Bild
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  • Die Pflege-Situation in den Krankenhäusern spitzt sich immer mehr zu. Es liegt am Geld. Die Häuser sparen dort, wo es für sie am teuersten ist: beim Personal. So muss heute eine Krankenschwester das erledigen, wass vor 10 Jahren noch von zwei Kolleginnen geleistet wurde.
    Vielleicht liegt dieser enomere Sparzwang im Gesundheitssystem begründet, das zu wenig die menschlichen Aspekte in den Mittelpunkt rückt. Es geht um die Gesundheit, aber um welchen Preis?
    Klaus Kramer

    10. August 2009 - 23:34  

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