Setzen, sechs! Wenn in den letzten Jahren in Deutschland über Männer und Familie gesprochen wurde, klang das meist nach Katastrophe. Von Seiten des Mannes sah es nach Totalverweigerung aus: Generell galt er als bindungsunwillig, eigentlich nur an der eigenen Karriere interessiert. Wenn Partnerschaft, dann aber bitte nur zu zweit, bloß kein Babygeschrei oder Windelnwechseln. Die Standardantwort, wenn die Liebste partout mal wieder übers Kinderkriegen reden wollte: „Schatz, dazu bin ich jetzt noch nicht bereit. Lass uns doch noch ein wenig damit warten!“ Er spielte auf Zeit, bewusst oder mit Kalkül. Darum konnte man nachts, wenn es in deutschen Schlafzimmern still wurde, ein immer dringlicheres Ticken hören: Die biologischen Uhren unzähliger Mitdreißigerinnen mahnten synchron zur Eile!
„Jahrelang ging der Kinderwunsch in nahezu 70 % aller Fälle von der Frau aus“, sagt die Familienpsychologin Gesine Stürner aus Hamburg. „Und oft bedurfte es regelrechter Überzeugungsarbeit, bis der Mann schließlich einwilligte.“ War das Kind auf der Welt, änderte sich außer der Steuererklärung im Leben des frisch gebackenen Vaters meist wenig. Der Mutter fiel die Aufgabe zu, Kind, Beruf und Partnerschaft zu managen, und wenn bei diesem Balanceakt jemand zu kurz kam, war das meist sie. Sicher, Ausnahmen gab es immer, solche Männer, die sich selbst als „Väter aus Leidenschaft“ bezeichneten etwa. Aber von denen las man eher oder sah sie im Fernsehen in irgendeiner Talkshow, als dass man sie tatsächlich kannte …
Das hat sich offenbar geändert. „Wir stellen fest, dass es eine neue Generation Männer gibt, für die Kinder und Familie an erster Stelle stehen“, sagt Gesine Stürner. „Der Beruf, die Karriere kommen erst danach. Und das Besondere: Die überwältigende Mehrheit der befragten Männer ist dazu bereit, sich die Kindererziehung mit der Frau partnerschaftlich zu teilen.“ 
„Das ist für mich selbstverständlich“, sagt Karl-Heinz Jockers (33) aus Kehl, einer dieser neuen Vorzeige-Papas, der es ernst meint, wenn er Worte wie „Verantwortung“ oder „Liebe“ in den Mund nimmt. Wickeln, Baden, Füttern, Bäuerchen – Karl-Heinz hat alles im Griff. Jeder Gesichtsausdruck von Jamie-Jessica (9 Monate) ist ihm bekannt. Er weiß, wann sie sich wohl fühlt, wann ihr etwas nicht passt. Noch nie hat er sein Töchterchen einfach an seine Frau Jessica (30) weitergereicht, wenn sie mal wieder wie am Spieß brüllte. Und das, obwohl er einen Fulltime-Job hat. „Wenn man etwas gern macht und es wirklich will, schafft man das immer irgendwie“, sagt er und wirbelt Jamie durch die Luft, was sie mit begeistertem Jauchzen quittiert. „Ich kenne viele Väter, die angeblich keine Zeit haben, mit ihren Kindern zu spielen oder mit ihnen die Hausaufgaben durchzugehen. Für den Fußballplatz oder ein Bierchen unter Freunden reicht die Zeit dann aber immer …“ Foto: Iris Rothe
„Unsere Gesellschaft wird nicht weiterexistieren können, ohne dass die Vaterrolle weiterentwickelt wird“, mahnte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und führte im Januar 2007 das Elterngeld ein – um mehr Väter an den Wickeltisch zu locken: Immerhin, bis Jahresende wurden 10,5 Prozent der bewilligten Anträge auf Elterngeld von Vätern gestellt. Das war im Vergleich zum früheren Erziehungsgeld eine Verdreifachung der Väterbeteiligung.
Für Karl-Heinz war das Elterngeld jedoch keine Option. „Der Gedanke war natürlich verlockend“, meint er. „Da meine Frau aber wesentlich weniger verdient, haben wir entschieden, dass sie
die Auszeit nimmt.“ Mittlerweile hat sich der Anteil der Männer, die Elternzeit in Anspruch nehmen, auf rund 20 % eingependelt – und laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage wünschen sich 73 % der 15- bis 42-jährigen Männer sogar eine Ausweitung der Vätermonate. „Ein eindeutiger Trend“, sagt Gesine Stürner. „Und dieses Umdenken, der Wertewandel dieser Männer kommt nicht von ungefähr, sondern hat Ursachen. Eine wesentliche ist die wirtschaftliche Situation. Nur auf die Karriere fixiert zu sein und sein Selbstwertgefühl, seine Identität einzig aus dem Erfolg im Beruf zu ziehen – das funktioniert schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Zu unsicher ist der Arbeitsmarkt, zu ungewiss die Zukunft, zu groß vielleicht auch die Angst vor dem Scheitern. Da müssen neue Ziele her und ,stabile Werte‘ wie Familie und Kinder bekommen wieder mehr Gewicht!“ Foto: Iris Rothe
„Natürlich muss man sein Auskommen haben“, gibt Karl-Heinz zu. „Aber das, was wirklich zählt im Leben und dich erfüllt, ist doch ganz etwas anderes.“ Verliebt schaut der stolze Vater Jamie an, die jetzt friedlich in ihrem Bettchen schläft. „Jahrelang rennt man durch die Welt, ist immer auf der Suche. Weiß nicht recht, wohin man gehört, wohin die Reise geht. Und dann wird so ein Würmchen geboren, streckt die Arme nach deinem Herzen aus und lässt es nicht mehr los. Das ist einfach der Punkt im Leben, bei dem man den Sinn des Lebens nicht mehr hinterfragen muss.“
>> Diskutieren Sie mit im Forum: Was halten Sie von der neuen Generation Mann?
Kommentar hinzufügen