Letzte Hoffnung Samenspende

Ein Baby um jeden Preis?

Von redaktion 31. März 2009 - 14:25
Paul und Anne bekamen durch eine Fremdsamenspende ein Kind
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Paul und Anne bekamen durch eine Fremdsamenspende ein Kind
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Unseren größten Traum – den vom eigenen Baby, hatten wir schon fast aufgegeben“, sagt Anne K.* (37) aus München. Jahrelang hatten sie und ihr Mann Paul (41) gehofft, es würde „doch noch irgendwie klappen“, so Anne. Eine vergebliche Hoffnung.

Etwa jedes sechste Paar in Deutschland, so schätzen Experten, kann auf natürliche Weise keine Babys zeugen. Für sie gibt es eine Reihe technisch-medizinischer Lösungen: Hormonbehandlung oder künstliche Befruchtung in der Petrischale (In-vitro-Fertilisation). Jährlich kommen so in Deutschland etwa 10 000 Kinder zur Welt. Auch die Samenspende ist bei uns gestattet, eine Eizellspende jedoch nicht.
Baby
„Quak“, quietscht die kleine Julia und deutet mit ihren Händchen auf einen Frosch in ihrem Bilderbuch. Anne sieht ihre 13 Monate alte Tochter verliebt an. „Ja meine Süße, das ist ein Frosch“, lobt sie. „Und wie macht der Hund?“, fragt Paul. „Wuff“, antwortet Julias Piepsstimmchen prompt – und alle drei lachen. Keiner, der diese glückliche Familie sieht, ahnt, dass Julia nicht Pauls leibliche Tochter ist. Dass seine Frau durch eine Samenspende schwanger wurde, weil er selbst unfruchtbar ist. Nur wenige wissen darüber Bescheid. „Es ist nicht unbedingt das, was man im großen Kreis erörtert“, sagt Paul und streichelt seiner Tochter zärtlich über den Kopf. Seiner Tochter? „Natürlich, Julia ist mein Kind“, sagt er, und wie zur Bestätigung streckt die Kleine ihre Ärmchen nach ihrem Papa aus. Foto: Brigitte Aiblinger

Anne lernte Paul 2000 kennen. Schon drei Monate später zogen sie zusammen. Beide wussten, sie würden zusammenbleiben und Kinder haben. Anne setzte die Pille ab. Doch der Nachwuchs stellte sich nicht ein. Annes Frauenarzt stellte fest, dass ihr Zyklus unregelmäßig war. Sie wurde mit Hormonen behandelt. Das Paar schöpfte neue Hoffnung. Aber Anne wurde nicht schwanger. „Mein Gynäkologe schlug vor, Paul solle sich untersuchen lassen“, sagt sie. Das Ergebnis war niederschmetternd: Er war fast unfruchtbar: zu wenig bewegliche Spermien. „Auf natürlichem Weg, das war klar, würden wir keine Kinder bekommen“, sagt Paul leise. Eine schlimme Zeit. „Ich bin mit Tränen in den Augen eingeschlafen und mit Tränen wieder aufgewacht“, sagt Anne.

Der Frauenarzt machte ihnen erneut Hoffnung. Unter Narkose wurden Anne Eizellen und Paul in einem Eingriff Samen direkt aus dem Hoden entnommen. Nach der künstlichen Befruchtung bekam Anne das Ei wieder eingesetzt. Zwei Wochen zwischen Hoffen und Bangen, ob das Ei sich einnisten würde. Dann die schlechte Nachricht: negativ! Auch beim zweiten Mal. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Anne. Paul zog sich immer weiter zurück, wurde von Tag zu Tag stiller. Natürlich dachten sie auch an eine Adoption. Anne lacht bitter. „Aber als wir ein paar Mal beim Jugendamt waren, wussten wir, das war keine Alternative. Wir mussten uns total entblößen, fühlten uns fast schon wie Kriminelle.“

Annes Frauenarzt brachte dann zum ersten Mal das Wort „Samenspende“ ins Spiel. Die schonendste Methode für die Frau: Der Spendersamen wird direkt in die Gebärmutter eingebracht. Der Eingriff kostet ca. 2 000 Euro, die Kasse zahlt bis zu sechs Versuche. „Das ist ja wie Fremdgehen“, meinte Paul erschüttert. Ein Kind um jeden Preis? „Nicht um diesen Preis, Anne“, bat er seine Frau. „Das kann ich einfach nicht.“ Sie diskutierten ganze Nächte lang. Begruben den Plan für Monate. Sprachen erneut davon. Weinten und haderten mit ihrem Schicksal. Sollten sie den Wunsch aufgeben, sollte es einfach nicht sein?
Familie
Anne machte sich im Internet schlau. Und erfuhr, dass der „Spender“ von den Ärzten so ausgesucht wird, dass er hinsichtlich Bildung, Aussehen, Interessen zu den Eltern passt. Paul wurde zugänglicher. „Er hatte nämlich Angst, dass das Kind uns so gar nicht ähneln würde …“ Wieder redeten sie, bis es hell wurde. Es gab Kliniken in Deutschland und Österreich. Die in Österreich war nur 250 Kilometer entfernt. „Lass uns wenigstens mal hinfahren“, bat Anne. Er küsste sie, sah sie lange an. „Okay Schatz, wir wagen es.“ Foto: Brigitte Aiblinger

Beim dritten Versuch klappte es. „Paul war total glücklich und kaufte sofort einen Stoffbären“, lacht Anne. „Vom ersten Ultraschallbild an war es sein Kind.“ Er war bei der Entbindung dabei. Er schnitt die Nabelschnur durch. Er füttert und wickelt Julia, sooft er Zeit hat. Und er beobachtet verzaubert, wie sie ihm Tag für Tag ähnlicher wird. Anne und Paul wollen ihrer Tochter sagen, wie sie entstanden ist. Wann, wissen sie noch nicht. „Sicher nicht im Kindergartenalter“, sagt Anne. Aber irgendwann werden sie Julia erzählen, dass sie der wahrgewordene Traum ihrer Eltern ist. Und dass sie im Gegensatz zu anderen Kindern noch einen zweiten, einen biologischen Vater hat. „Leicht wird das nicht“, sagt Paul nachdenklich. „Aber wir werden das schaffen – meine Frau, unsere Tochter und ich!“


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INFOS & FAKTEN

Kinder von der Samenbank
Dr. Leonhard Loimer
Dr. Leonhard Loimer, Direktor Kinderwunsch-Klinik Wels (Österreich): „Durch Umweltgifte nimmt die Samenqualität ab“

Warum kommen Paare zu Ihnen? „Früher zu 70 %, weil die Frau unfruchtbar war. Heute hat sich das umgekehrt – jetzt liegt es zu 70 % am Mann. Durch Giftstoffe, Weichmacher und Chemikalien nimmt die 
Samenqualität stetig ab.“

Wann braucht man eine Samenspende? „Wenn der Partner eine genetische Erkrankung hat, die er auf das Kind übertragen könnte. Oder wenn es keine oder kaum bewegliche Spermien gibt, kommt die sogenannte donogene Insemination durch einen Fremdspender in Frage. Solange es Spermien – auch von schlechter Qualität – gibt, versucht man aber, die Eizelle mit dem Samen des Partners zu befruchten.“

Wie hoch ist die „Trefferquote“?
„Eine Garantie gibt es nicht, aber die Quote liegt bei etwa 50 %.“

Infos unter www.kinderwunschklinik.at

„Vielen Männern ist das Thema peinlich“
Schwangere Frau
Die meisten Kinder wissen nichts Thomas Katzorke, Leiter der größten deutschen Samenbank in Essen, schätzt, dass von rund 100 000 Spenderkindern in Deutschland mindestens 90 000 nicht wissen, wie sie gezeugt wurden. Fast alle Kinderwunschpaare sagen ihm klipp und klar, dass sie ihren Kindern auf keinen Fall die Wahrheit sagen wollen: „Vielen ist es peinlich, dass der Mann zeugungsunfähig ist.“ Andere wollen das Kind nicht belasten und verhindern, dass es sich durch sein Wissen als Außenseiter oder gar „Freak“ fühlt. Oder sie fürchten, es könnte den sozia-len Vater nicht hundertprozentig annehmen.

Kein Gesetz Zwar sprach das Bundesverfassungsgericht 1989 Kindern ein Recht auf Information über die eigene Abstammung zu. Ein Gesetz fehlt aber. Nur eine Richtlinie der Bundesärztekammer regelt seit 2006, dass die persönlichen Daten der Samenspender 30 Jahre aufgehoben werden müssen. Doch wann und ob die Kinder je Zugang zu dieser Dokumentation haben, ist nicht geregelt.

Lisa.de-Surftipp: Infos für Eltern und solche die es werden wollen www.urbia.de

 

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